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Über den Tellerrand
An dieser Stelle möchten wir Sie regelmäßig über aktuelle Themen der Gentechnik, Landwirtschaft und Politik informieren.
12. Januar 2010
Genanbau generiert Herbizid resistente Unkräuter
Der Anbau genmanipulierter Sojabohnen, Mais und Baumwolle in den USA hat den Verbrauch an Pestiziden ansteigen lassen und zahlreiche resistente Unkräuter hervorgebracht. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht, den mehrere Umweltgruppen in den USA vorgelegt haben. Autor ist der Agrarexperte Charles Benbrook, der für diese Studie Daten des US-Landwirtschaftsministeriums ausgewertet hat. Er kam zu dem Ergebnis, dass durch den Anbau der Genpflanzen in den USA in den 13 Jahren von 1996 bis 2009 insgesamt 172.000 Tonnen mehr Pestizide eingesetzt worden seien.
Durch den Anbau von Bt-Mais und Baumwolle seien 29000 Tonnen Insektizide eingespart worden, wobei das von den Pflanzen gebildete Insektizid unberücksichtigt blieb. Insgesamt sei der Genpflanzenanbau also für einen bisher aufgelaufenen Mehrverbrauch von 143.000 Tonnen Pestizidwirkstoffen verantwortlich.
Die Gründe hierfür sind, laut Benbrook, das dramatische Anwachsen herbizidresistenter Unkräuter.
Die ersten gegen den Roundup Wirkstoff Glyphosat resistenten Unkräuter seien 2000 aufgetaucht und hätten sich in den letzten Jahren epidemieartig ausgebreitet.
Anmerkung Paradieschen: Die Resistenzbildung von Unkräutern wird gefördert durch den ausschließlichen Einsatz dieses Wirkstoffs, weil alle bislang eingesetzten herbizidresistente Genpflanzen ausschließlich gegen dieses Herbizid aus dem eigenen Hause des Saatgutmultis Monsanto resistent sind. Dieses Problem war von vorneherein abzusehen und zeigt, dass landwirtschaftliche Probleme sich nicht mit gentechnischen Methoden lösen lassen, da die Natur sich nicht überlisten lässt. Wahrer Fortschritt liegt nicht in der Überlistung der Natur durch immer ausgefeiltere Gentechnik, sondern in der Nachhaltigkeit der Produktion.
Derzeit gebe es 9 oder mehr Unkräuter, die insgesamt Millionen Hektar Land befallen hätten.
Einige der befallenen Baumwollfelder seien aufgegeben worden.
Um der Unkrautinvasion Herr zu werden, würden die Bauern entweder noch mehr Glyphosat spritzen, oder noch giftigere Herbizide einsetzen.
Quelle: www.organiccenter.org/science.latest.php?action=view&report_id=159
14. Dezember 2009
Linda Comeback?
Die in Deutschland vom Markt verdrängte Kartoffelsorte "Linda" könnte vor einem Comeback stehen. Nach der Zustimmung Großbritanniens zu einem Antrag auf Neuzulassung von „Linda“ als Pflanzkartoffel, steht die Tür auch in Deutschland wieder offen. Das Pflanzenzuchtunternehmen Europlant hatte zum 1. Januar 2005 die Zulassung für "Linda" mit der Begründung zurückgezogen, sie sei zu anfällig für Fäule und Krankheiten. Nach Gerichtsverfahren und massiver Kritik an der Europlant-Entscheidung wurde sie dann zunächst noch weiter angebaut. Befürworter der Kartoffelsorte vermuteten, dass Europlant die Erfolgskartoffel als Konkurrenz für neue Sorten ansah und "Linda" nach 30 erfolgreichen Jahren deshalb vom Markt nehmen wollte. Wenn die Sorte in England zugelassen ist, wird sie der Kommission in Brüssel gemeldet und in den europäischen Katalog aufgenommen. Das hat zur Folge, dass sie EU-weit gehandelt werden darf. Ob sie auch verzehrt werden darf, entscheidet das Bundessortenamt. Es ist aber mit einem positiven Ergebnis zu rechnen.
12. Oktober 2009
Stellungnahme zum Kupfereinsatz in unserem Betrieb
von Annette und Berthold Schlachtenberger
Nachdem in den Medien der Kupfereinsatz auf Biobetrieben kritisiert wird, möchten wir unseren Umgang mit dem Mittel erläutern.
Kupfer ist im Bioobstbau sowohl nach den EU-Richtlinien wie auch beim Demeterverband eingeschränkt erlaubt. Es wird gegen den Schorfpilz, die wichtigste Pilzkrankheit im Obstbau eingesetzt.
Insgesamt stehen zur Schorfbekämpfung 3 Mittel zur Verfügung: Kupfer wird hauptsächlich von Knospenaustrieb bis zur Apfelblüte eingesetzt, nach der Blüte finden hauptsächlich Netzschwefel und Schwefelkalk Anwendung. Im Frühjahr, wo häufig Temperaturen unter 10 C° herrschen haben die Schwefelprodukte keine Wirkung, so dass es zum Einsatz von Kupfer gegen Schorf bis jetzt keine Alternative gibt.
Im Bioanbau darf Kupfer bis maximal 3 kg/ha im Jahr eingesetzt werden. In unserem Betrieb haben wir bisher diese Menge nicht ausgeschöpft, in den vergangenen Jahren lag der Einsatz bei 1,5 bis 2,2 kg/ha. Vor der Blüte beträgt die Aufwandmenge pro Applikation 300-500 g/ha, nach der Blüte wird nur bei bereits festgestelltem Schorfbefall und starkem Infektionsdruck 50 –max.100 g/ha in den entsprechenden Anlagen appliziert. Das sind 3-6 Eßlöffel auf 200 l Wasser, die wiederum auf 10.000 qm ausgebracht werden (nur im Vergleich dazu: im konventionellen Obstbau werden oftmals pro Spritzung 3 kg/ha ausgebracht).
Oft wird behauptet, dass sich Kupfer im Boden anreichert, nach unseren Erfahrungen kommt es dabei aber stark auf die ausgebrachten Mengen an. Kupfer ist schließlich auch ein Spurennährstoff, den die Pflanzen dem Boden entziehen und z.B. in Enzyme einbauen. Dies zeigt sich ganz offensichtlich auf einer unserer Flächen, auf der seit etwa 60 Jahren biologischer Obstbau mit Einsatz von Kupfer betrieben wird. Seit 1994 haben wir diese Fläche gepachtet, die erste Bodenuntersuchung im Jahr 1996 ergab einen Gehalt von 23 mg/kg Boden, 2001 waren es 21 mg/kg und dann im Jahr 2007 wurden 14,6 mg Cu/kg Boden ermittelt. Um diese Werte einordnen zu können: der Höchstwert für landwirtschaftliche Böden beträgt laut Klärschlammverordnung 60 mg/kg, und im Buch ‚Biologisch dynamische Landwirtschaft’ von Koepf, Schaumann, Haccius wird bei 18.100 untersuchten Böden ein mittlerer Cu-Gehalt von 15 mg/kg Boden ermittelt.
Unsere Bodenuntersuchungen zeigen meines Erachtens deutlich, dass bei vernünftigem Umgang mit Kupfer keine Anreicherung stattfindet. Es kommt eben immer auf die Dosis an, und so denken wir, das Mittel weiterhin mit gutem Gewissen einsetzen zu können bis es eine wirksame Alternative zu Kupfer gibt.
09. Oktober 2009
Von Leo Frühschütz zur Panorama Sendung vom 07.10.2009
Schelte vom Politmagazin Panorama
„Geheimsache Bio“ hieß ein Halbstunden-Beitrag, den der Norddeutsche Rundfunk am Mittwochabend den 7.10.09, in seiner Sendung „Panorama – Die Reporter“ brachte. Themen waren der Kupfereinsatz im Obstbau, die Geflügelhaltung und die Frage, ob Bio gesünder sei. Panorama ließ die Bio-Branche und ihre Vertreter darin ziemlich schlecht aussehen. Unser Autor Leo Frühschütz hat sich den Film angesehen. Am Donnerstagabend, den 8.10.09, lief der Beitrag noch einmal in gekürzter Fassung im Ersten. Tenor dort: Massentierhaltung im Bio-Landbau.
Neues hat das „das investigative Politformat des NDR“ (Eigenwerbung) nicht berichtet. Wer sich nur ein bisschen mit Ökolandbau auskennt, weiß, dass im Obst-, Wein-, Hopfen- und Kartoffelanbau Kupferpräparate eingesetzt werden. Die Diskussion darüber geht seit Jahrzehnten. Doch bisher waren alle Anstrengungen, Kupfer zu minimieren oder gar ganz zu ersetzen, nur bedingt erfolgreich. Neu ist auch nicht, dass es in der Öko-Geflügelhaltung agrarindustrielle Strukturen gibt, Unternehmen, die Zehntausende von Biohühnern halten sowie Probleme bei deren Kontrolle. Das alles können interessierte Verbraucher (und Journalisten) seit Jahren im Kundenmagazin Schrot&Korn ebenso nachlesen wie in den Bio-Schlechtmach-Büchern von Miersch & Co.
Bekanntes künstlich aufgebauscht
Die Journalisten von Panorama haben ihre Story dennoch als große Enthüllungsgeschichte aufgemacht – und das handwerklich sehr gut. Ordentlich auf Skandal gebürstet, kräftig schwarz-weiß gemalt und die Branchenvertreter, die ein differenziertes Bild darstellen wollten, schlecht aussehen lassen. Kein Laie merkt, dass da aus den längeren Interviews genau die Passagen genommen wurden, die in das Schwarz-Weiß-Gemälde passten.
Natürlich stimmt das idyllische Bild, dass sich viele Verbraucher von der Bio-Produktion machen, oft nicht mit der Wirklichkeit überein. Aber es reicht nicht aus, mit dem Zeigefinger auf diese Diskrepanz zu deuten und „Skandal!“ zu schreien. Man müsste – journalistische Aufklärung ernst genommen – den Zuschauern auch erklären, warum „Bio“ keine heile Welt ist und welche Rolle sie selbst als Verbraucher dabei spielen.
Auf Aufklärung der Verbraucher verzichtet
Ein guter Anlass dafür wäre die Szene mit dem ehemaligen Manager gewesen, der jetzt im Wendland 500 Hühner hält und als Kronzeuge für die heile Biowelt auftritt. „Können sie denn von den Eiern ihrer 500 Hühner leben?“ hätte die Frage lauten müssen. Vielleicht hat die Reporterin Anja Reschke sie ja gestellt. Gesendet wurde sie auf jeden Fall nicht. Denn natürlich kann dieser Nebenerwerbslandwirt von den geschätzten 100.000 Eiern, die seine Tiere pro Jahr legen, nicht leben. Selbst wenn er unrealistische 10 Cent je Stück verdienen würde.
Womöglich wäre die Reporterin dann darauf gekommen, dass der Riss innerhalb der Bio-Branche bei den Eiern woanders verläuft: Zwischen den bäuerlichen Familienbetrieben, die mit 3.000 oder 5.000 Legehennen kaum überleben können und Agrarindustriellen wie Hennenberg und Tiemann mit Zehntausenden von Tieren. Vielleicht hätte sie dann auch recherchiert, wie viel die Erzeugung eines Bio-Eis kostet und was der Verbraucher bei Aldi dafür zahlt. Und hinterfragt, wie das zusammengehen soll.
Kein Wort über schorfresistente Apfelsorten
Auch beim schorfigen Apfel, den der Obstbau-Forscher in die Kamera hält, hätte man einhaken können. Vielleicht hätte es die Zuschauer ja interessiert, dass es schorfresistente Sorten wie Topaz gibt, die man nicht mit Kupfer spritzen muss. Dass es andere Apfelsorten wie Gala gibt, die für den Bio-Anbau eigentlich ungeeignet, weil zu empfindlich sind. Dass sie aber dennoch produziert werden, weil die Kunden sie wollen.
Es ist der Kunde, der entscheidet, ob er Topaz oder Gala kauft. Aber wenn er nur Panorama schaut, erfährt er das nicht. Da erfährt er nicht einmal den Unterschied zwischen chemisch-synthetischen und natürlichen Pflanzenschutzmitteln. Statt dessen erklärt eine Mitarbeiterin des Bundesinstituts für Risikobewertung, dass die üblichen Pestizidrückstände kein Problem sind. Das wird weder hinterfragt, noch durch eine Gegenposition relativiert (bei anderen taucht da meist Manfred Krautter von Greenpeace auf). Auch kein Wort davon, dass (egal ob schädlich oder nicht) Bio-Obst und Gemüse 300 bis 400 mal weniger Pestizidrückstände enthält als konventionelles. Da hätte man gar nicht investigativ nachforschen müssen. Das steht im Ökomonitor der baden-württembergischen Lebensmittelbehörde.
Fazit: Einer der Beiträge, von denen es noch viele geben wird. Der Quote zuliebe auf Skandal getrimmt. Da wird sich die Bio-Branche dran gewöhnen müssen und gegensteuern, indem sie nicht nur immer die Vorteile von Bio darstellt, sondern gegenüber den Verbrauchern auch die Probleme offen kommuniziert.
09. Oktober 2009
Pressemelung vom Anbauverband Demeter
Gute Kartoffelernte auch ohne Kupfereinsatz
Die 1400 deutschen Demeter-Bauern sind zufrieden mit ihrer Kartoffelernte. In der biodynamischen Demeter-Landwirtschaft ist der Einsatz des jetzt öffentlich kritisierten natürlichen Pflanzenschutzmittels Kupfer für Kartoffeln nicht zugelassen. Die Biodynamiker setzen auf ihre eigenen Heilpflanzenpräparate aus Kamille, Löwenzahn, Baldrian, Eichenrinde, Schachtelhalm oder Kiesel. Die machen den Kompost besonders wertvoll oder stärken als feinstofflich wirksame Spritzmittel die Pflanzen. „So werden unsere Kartoffeln nicht nur besonders schmackhaft, sondern sind auch voller vitaler Nährstoffe,“ betont Demeter-Vorstand Stephan Illi, ein studierter Landwirt.
Dafür muss der Demeter-Bauer ganzen Einsatz bringen. Schon das Bett der Kartoffeln sollte bestens vorbereitet sein. Optimal ist die Erde, wenn sie leicht durchwärmt, gut gelockert und dank vorherigem Leguminosen-Anbau reichlich mit natürlichem Stickstoff versorgt ist. Wichtig und eine Vorbeugung gegen die gefürchteten Pilzerkrankungen ist das Vorkeimen der Kartoffeln im Gewächshaus. Die passenden Sorten, großer Reihenabstand und eine bewusste Standortwahl sind weitere Faktoren, die sich als Prophylaxe bewährt haben. Pfeift der Wind durch das Kartoffelkraut, mögen die Pilzsporen das nämlich gar nicht.
Demeter-Kartoffeln gibt es jetzt als Aktionsware in den Demeter-Aktiv-Partner-Läden. Das sind auf Qualität spezialisierte Naturkostfachgeschäfte, Biosupermärkte und Demeter-Hofläden oder ausgewählte Reformhäuser. Außerdem finden Verbraucher Demeter-Kartoffelprodukte zum Beispiel als Pommes oder Püree in den Bio-Regalen.
Kupfer für Wein- und Obstbau wichtig
Aber auch Demeter-Bauern setzen Kupfer ein. Für den Wein- und Obstbau sind Kupferspritzungen unter strengen Mengenlimitierungen in der Biodynamischen Wirtschaftsweise zulässig. „Wir arbeiten schon lange an einer Minimierungsstrategie,“ betont Vorstand Stephan Illi. Bei Demeter dürfen nur bis zu maximal drei Kilo Kupfer pro Hektar und Jahr in Wein- und Obstbaukulturen eingesetzt werden. Je Spritzung ist die maximale Ausbringung sogar auf 500 Gramm Kupfer begrenzt. „Um irgendwann mal ganz auf Kupfer verzichten zu können müsste einfach mehr Geld in die ökologisch orientierte Forschung und das Suchen nach effektiven Alternativen fließen“, argumentiert der Agraringenieur. In der konventionellen Landwirtschaft sind sehr viel höhere Kupfermengen im Einsatz. Laut EU-Öko-Verordnung sind für den Bio-Anbau sogar sechs Kilo/Hektar und Jahr zulässig, also doppelt so viel wie bei Demeter.
Kupfer ist einerseits ein unverzichtbares – essentielles – Spurenelement, das der Ernährung von Pflanze und Mensch dient. Andererseits steht es im Verdacht, sich im Boden anzureichern und Mikroorganismen zu schädigen oder sogar die Bodenfruchtbarkeit zu stören, wenn es in größeren Mengen eingesetzt wird. Allerdings sind diese Vermutungen noch nicht ausreichend belegt. Außerdem erforschen die Öko-Pioniere des ältesten Bio-Anbauverbandes Alternativen wie potenzierte Kupferlösungen ähnlich den homöopathischen Heilmitteln oder Kompostteespritzungen. Wird Kupfer gespritzt, ergeben sich keine erhöhten Kupferwerte im Endprodukt, dem Bio-Lebensmittel. Das haben Untersuchungen des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit ergeben.
Presseerklärung Demeter
25. Mai 2009
Vom Goldenen Reiskorn
Diesen interessanten Artikel möchten wir Ihnen auf keine Fall vorenthalten. Er bringt vieles auf den Punkt.
Doch lesen Sie selbst:
Ein Argument, das in keiner Gentechnikdebatte fehlt, ist der Hinweis auf den Nutzen der Gentechnik für die Welternährung. Mit Agrogentechnik könne Saatgut entwickelt werden, das den Hunger in der Welt besiege, weil die Ernteerträge steigen, Nährstoffe in der Pflanze angereichert würden und diese resistent gegen Schädlinge, Trockenheit und salzhaltige Böden werde.
Was die gentechnische Veränderung von Baumwolle und Soja damit zu tun hat, erschließt sich nur über den Umweg erhöhter Einkommen für die Farmer. Der kürzlich erschienene Bericht des Büros für Technikfolgen-Abschätzung des Bundestags formuliert es so: "Seriöse wissenschaftliche Übersichtsstudien verweisen auf das grundsätzliche Problem, dass der tatsächliche bzw. mögliche Nutzen und Gewinn aus der Verwendung transgenen Saatguts in vielfacher Weise durch regionale und betriebliche Faktoren beeinflusst wird […]."
Das bedeutet: Neben den erwünschten Eigenschaften der gentechnisch veränderten Sorten gibt es ein erhebliches Risiko mangelhafter Anpassung der Pflanzen an Böden, Klima und Schädlinge der Entwicklungsländer. Nicht nur die möglichen, sondern auch die bereits eingetretenen Ernteausfälle, die den wirtschaftlichen Ruin und das Zusammenbrechen der Nahrungssicherheit der Bauern zur Folge haben, stehen im krassen Gegensatz zur versprochenen Verbesserung. Man denke nur daran, dass zahlreiche indische Bauern im Jahr 2007 Selbstmord verübten, weil sie ihre Kredite für das Saatgut von der Firma Monsanto nicht zurückzahlen konnten.
Zudem muss man sich fragen, welchen Anreiz es für Bauern in Entwicklungsländern überhaupt gibt, ihre landwirtschaftliche Produktion - mit welcher Technologie auch immer - zu steigern, wenn gleichzeitig auf den ihnen zugänglichen Märkten die Überschüsse der hoch subventionierten Landwirtschaft aus der nördlichen Hemisphäre verramscht werden. Die unselige Politik des Freihandels, die es sogenannten Entwicklungsländern verbietet, zum Schutz ihrer eigenen Bauern ordentliche Zölle auf Agrarimporte zu erheben, und gleichzeitig Agrarsubventionen hier erlaubt, verdirbt dort die Preise ohne Ende.
Aber zurück zur Agrogentechnik. Als Beispiel für eine gelungene gentechnische Veränderung von Nahrungs-Pflanzen wird immer wieder der "Golden Rice" genannt. Ich setze ihn in Gänsefüßchen, weil es sich bei dem Namen um einen bislang unbegründeten Euphemismus handelt. Die Entwicklung dieser Reissorte war eine züchtungsttechnische Großtat gentechnischer Veränderung von Pflanzen; sie ist biotechnologisch beeindruckend und respektabel.
Im Jahr 2000 war zwar zunächst so wenig Betakarotin, eine Vorstufe des Vitamin A, in den Körnern, dass nachgebessert werden musste, aber dann gab es den "Golden Rice 2", in dem 23-mal so viel Betakarotin vorhanden ist und in dem auf das Antibiotika-Resistenz-Gen verzichtet wurde. So weit, so gut. Der Beweis fehlt. Der Erfinder behauptete nun öffentlich, dass Gentechnikkritiker aus Europa die Verantwortung für Todesfälle und die Erblindung von Millionen Kindern in aller Welt zu tragen hätten. Eine These, die wissenschaftlich durch nichts belegt ist. Allerdings wurden seit 2004 und 2005 Humanstudien durchgeführt und teilweise abgeschlossen. Diese sollten nachweisen, wie gut der Körper das im "Golden Rice" vorhandene Betakarotin nutzen kann. Aber Ergebnisse zur sogenannten Bioverfügbarkeit wurden nie veröffentlicht.
Selbst die Projektwebsite (www.goldenrice.org) verweist nicht auf eine entsprechende wissenschaftliche Publikation und berichtet bisher nur über die "erfolgreiche" Durchführung eines "human feeding trial" - ohne konkrete Ergebnisse zu nennen.
Nun haben 30 Wissenschaftler der Bostoner Tufts University kürzlich dagegen protestiert, dass bei diesen Studien gegen den Nürnberger Ethikcode als grundlegende Regel guter wissenschaftlicher Praxis verstoßen wurde: Kinder einer Grundschule in China wurden als Studienobjekte eingesetzt. Auf Druck der Regierung musste der Versuch abgebrochen werden.
Auch im Bereich der Biomedizin regt sich Kritik am "Golden Rice"-Konzept der Vitamin-A-Versorgung. Im Dezember 2008 wies Dave Schubert vom bekannten Salk Institute in La Jolla, Kalifornien, darauf hin, dass neuartige biologisch aktive Pflanzeninhaltsstoffe wie das Betakarotin im Reis völlig unerwartete und unerwünschte Stoffwechseleffekte auslösen können. Ein Teil des Betakarotins wird nämlich in Retinsäure umgewandelt, die als Regulator für Zellwachstum und -differenzierung wirkt.
Völlig gefahrlos erscheint dagegen die Bekämpfung des Vitamin-A-Mangels durch eine vielfältige Ernährung, etwa den Verzehr von betakarotinhaltigen Pflanzen und Früchten sowie tierischen Nahrungsmitteln - das ist nachhaltig, fördert die lokale Landwirtschaft und hat auch nicht nur einen Nährstoff, sondern eine insgesamt gesundheitsfördernde Ernährung im Blick.
Schließlich muss man sich fragen, wo wir endlich anfangen wollen, den Hunger in der Welt effektiv zu bekämpfen. Wenn wir nicht methodenverliebt und mit dem vorrangigen Ziel der Förderung der Agrochemie- und Saatgutkonzerne an das Problem herangehen, geht es um Produktionssteigerung und -sicherung kleinbäuerlicher Landwirtschaft in den Entwicklungsländern selbst. Die steigende Zahl von Menschen, die in Nahrungsunsicherheit leben, zeigt, dass die bisherigen Ansätze dort komplett versagen.
Verbesserung lokalen Saatguts, Verminderung der Verluste, die nach der Ernte entstehen, Verzicht auf subventionierte Agrarexporte und Förderung ländlicher Entwicklung sind echte Ansatzpunkte. Das klingt nicht nach Innovation, aber es ist zielführend - was man von dem Missbrauch des Arguments, Grüne Gentechnik leiste einen Beitrag zur Hungerbekämpfung, nicht sagen kann. Dessen Protagonisten leisten der Entwicklung Vorschub, dass die Saatgut- und Agrochemiekonzerne des Nordens die Märkte hier und im Süden erobern und die dortige kleinbäuerliche Landwirtschaft verdrängen.
Michael Krawinkel
Professor für Ernährung des Menschen mit Schwerpunkt Ernährung in Entwicklungsländern, Justus-Liebig-Universität Gießen. Er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
Quelle: taz vom 25.05.2009

